Zeitzeugenbriefe
Interviews mit Zeitzeugen

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März 2010

Mit der Erwachsenenwelt ist alles in bester Ordnung …

Interview mit Peter Lorenz, Jahrgang 1929
Kinderlandverschickungslager 1943-1945
Von Martina Kolanoski, Politologin

MK: Herr Lorenz, Sie waren zwischen 1943 und 1945 in einem Lager der Kinderlandverschickung im damaligen Reichsgau Wartheland untergebracht. Sie sind mit der ganzen Schulklasse gefahren. Wären sie auch freiwillig gefahren oder waren ihre Eltern zuvor nicht bereit gewesen, Sie an dem Programm teilnehmen zu lassen?
PL: Das stand nicht zur Diskussion. Wir waren in Berlin zuhause. Und das Programm kannten wir gar nicht. Das wurde ja nicht so besonders öffentlich gemacht. Wir lebten unsere Normalität, bis wir eines Tages vor der Situation standen, dass man uns mitteilte, die staatlichen Schulen würden geschlossen, ein Abitur auf diesen Schulen könne in Berlin nicht mehr gemacht werden. Damit wurden die Kinder gezwungen teilzunehmen. Denn wir standen vor der Entscheidung, entweder die Schule zu beenden und dann keine Weiterbildung mehr zu haben – was gar nicht vorstellbar war – oder uns anzuschließen.

MK: Sie verließen dann Berlin im Sommer 1943?
PL: Ja. Wir sind mit dem Zug nach Polen gefahren. Da der Bahnhof in Berlin in der Nacht vor unserer Abfahrt zerstört wurde, sind wir an offenen Gleisen eingestiegen. Sie müssen sich vorstellen, diese Evakuierung war natürlich terminlich festgelegt, aber dieser Termin fiel genau in einen der vielen Bombenangriffe, die wir zu der Zeit hatten. Und ausgerechnet in jener Nacht ist die Gegend unserer Schule am Volkspark Wilmersdorf schwer beschädigt worden. Einige meiner Klassenkameraden erschienen daher ganz schwarz und rußig morgens an den Gleisen. Ihre Häuser waren in der Nacht verbrannt.

MK: Fiel Ihnen der Abschied schwer?
PL: Ja wissen Sie, das ist schwer zu beschreiben. Wir waren ja im Grunde noch Kinder. Ich war 14 Jahre. Also heute ist man mit 14 weiter, angeschlossener an das moderne Leben, weil man schon mehr Freiheiten und Freizügigkeiten kennt. Wir waren ja damals noch nicht so weit. Wir hatten natürlich schon ein größeres Verlustgefühl, weil in diesem Moment unsere Kindheit zu Ende ging. Das ging ja ohne Übergang. Sie müssen sich vorstellen, Sie kommen aus einem behüteten zuhause und dann lässt Sie ihre Mutter los und Sie stehen mit einem Koffer zwischen 80 oder 100 anderen Jungs in der selben Situation und müssen dann versuchen, sich mit denen zu arrangieren. Keiner von all den Kindern war auf diese Situation vorbereitet. Also da gab’s Hauen und Stechen und alles was dazu gehört unter Jungs, um sich einen Platz zu erobern, um das richtige Bett zu kriegen. Im Grunde genommen war das alles eine einzige, große Improvisation. Das war ja kein vorbereitetes, schönes Bettenlager.

MK: Wo wurden Sie untergebracht?
PL: In einem Schloss. Schloss Wiemiez in der Nähe der Stadt Włocławek – unter deutschen Besatzung Leslau genannt. Die prunkvollen, stuckverzierten Säle waren so groß, dass man 20 doppelstöckige Betten hineinstellen konnte. Da waren Luftschutzschränke aufgestellt und die Betten waren mit Strohsäcken bedeckt. Also es war alles nicht sehr komfortabel. Dann musste man sich den Platz erkämpfen, den man für den besten hielt. Am Fenster, an der Tür oder am Ofen. Da ging der Kampf los. Das waren unsere ersten Erfahrungen, wo wir einer Tagesbrutalität ausgesetzt waren, die Leben heißt. Wo man sich eben selber um sich selber kümmern muss. Da ging es eigentlich darum, dass man Kraft genug hatte, sich durchzusetzen und sich zu behaupten. Das war der Moment wo die Kindheit zu Ende ging. Von einem Moment zum anderen. Und jetzt war niemand mehr für mich da. Ich konnte zu niemand hingehen und mich beklagen. Weder zu einem Lehrer noch sonst wo.

MK: Wie wurde das Lagerleben organsiert?
PL: Das ist schwer zu rekonstruieren. Es hatte auch immer etwas sehr Chaotisches, Improvisiertes. Aber es gab ein Spannungsverhältnis, das, so glaube ich heute, auch organisatorisch gewollt war. Es gab zwei Stränge, die die Autorität im Lager bestimmt haben. Das war zum Einen die Lehrerschaft mit dem Direktor an der Spitze. Daneben gab es jedoch den parteilichen Strang in Person des Lagermannschaftsführers, LMF. Der LMF war von der Hitlerjugend eingesetzt und nur ein paar Jahre älter als wir. Der war also eigentlich auch noch ein Kumpel. Er war uns so nah, weil er eben auch noch halb Kind war. Aber er war als Hitlerjugendführer angeleitet worden, die nationalsozialistische Ideologie im ganzen Schul- und Lagerbetrieb zu steuern. Der machte mit uns Außenübungen, halb-kriegerische Geländeübungen, was man als verlängertes Indianerspiel betrachten kann. Was auch irgendwie Spaß machte: wir sind marschiert, wir haben unendlich gesungen, Lagerfeuer gemacht, Sachen erobert. Wir hatten ein Spiel bei dem jeder einen Stofffetzen am Ärmel hatte und wenn man den abgerissen bekam, war man tot. Das war dann die Entscheidung im Nahkampf. Also es war so eine vormilitärische Einstimmung auf eine Grundhaltung. Den Krieg nicht zu fürchten, sondern ihn als eine selbstverständliche Chance zu verstehen, zu gewinnen, zu siegen oder besser zu sein. Das war ja die eigentliche Form der Beeinflussung. Es war ja nicht so, dass ein SA-Mann vor einem stand und einem irgendwelche NS-Ideologien eingepaukt hat. Auf diese Weise sind wir von niemandem beeinflusst worden. Wir waren selber begeistert. Das hat aber nichts mit der Ideologie zu tun, denn die haben wir gar nicht verstanden mit 14. Das war uns auch wurscht. Was uns fasziniert hat und was uns an dieses System gebunden hat, war die Tatsache, dass es von keiner Seite eine Alternative gab. Es gab kein Einspruch, es gab kein Widerspruch, es gab Nichts, was dieses Denken in Frage gestellt hat. Es gab keine vergleichenden Zeitungen, Zeitschriften, es gab kein Fernsehen und kein Radio. Ja und so sind wir eigentlich ganz ohne Bedenken, ganz ohne Zweifel, in diese Mitmach-Position geraten. Ganz ohne Diskutieren – denn Diskutieren kannten wir sowieso nicht.

MK: Heißt dass, Sie kannten Diskussion auch nicht aus dem Elternhaus? Mich würde auch interessieren, ob es einen ähnlichen Erziehungsstil im Elternhaus und im Lager gab. Im Hinblick auf Verbote, Sanktionen etc.
PL: Nein, also Diskussionen hat es bei uns zuhause nicht gegeben. Also auf jeden Fall nicht mit mir. Es gab nämlich Zweierlei. Es gab eine Kinder- und es gab eine Erwachsenenwelt. Wenn meine Eltern diskutierten und Politik erörtert haben, wurde ich raus geschickt. Man muss das unter dem Aspekt betrachten, dass in der Gesellschaft die Angst umherging, sich durch kritische Bemerkungen zu gefährden. Die Eltern hüteten sich also vor ihren unmündigen, unberechenbaren Kindern, von denen sie nie wissen konnten, was sie an wen weiter tragen würden. Unsere Eltern konnten uns daher nicht mit irgendwelchen kritischen Sichtweisen belasten und die Angst aushalten, dass wir irgendwem eine falsche Information geben.

MK: Wie hat sich ihr Alltag im Lager verändert?
PL: Das kann man kaum miteinander vergleichen. Sehen Sie, zuhause gab es diese häusliche Ordnung. Essen, Waschen, Schularbeiten, das hatte alles seinen Rhythmus. Das waren Formationen, in denen wir uns sicher bewegen konnten. Im Lager war das völlig anders. Das Lager bestand aus Disziplin. Also ich beschreibe mal einen Tagesablauf: Morgens um 7 aufstehen, mit Trillerpfeife und so ein bisschen militärisch „Alles raus aus den Betten!“. Dann gab es diese großen Waschsäle, da musste man nebeneinander stehen, sich den Platz erobern. Danach wurde angetreten. Fingernägel zeigen, Schuhe zeigen und all dieser vormilitärische Drill. Dann wurde gezählt und dem Direktor gemeldet, wie viele da waren, wie viele krank gemeldet, wie viele im Urlaub waren und so weiter. Dann kamen wir zum Frühstück. Da gab es fast immer Maisbrot. Kennen Sie das? Sagen Sie immer „Nein danke“, wenn ihnen das jemand anbietet. Und auf dem Maisbrot war rote Rübenmarmelade. Die sollten Sie auch verweigern. Denn die beiden Dinge zusammen sind ziemlich schrecklich. Besonders wenn die alle übereinander gestapelt werden. Also davon ernährten wir uns mitunter wochenlang, weil die Wirtschafterin, die dort eingesetzt war, uns beklaut hat. Die hat Lebensmittel verschoben und unterschlagen und wurde dann zum Tode verurteilt und eines Tages abgeholt. Das war ein ziemlicher Skandal, denn das war „Wehrzersetzung“, wie man das damals nannte. Nach dem Frühstück mussten wir in die Schulräume, also die dafür hergerichteten Säle. Ziemlich improvisiert. Man versuchte einen normalen Schulbetrieb zu machen. Aber das ging mehr schlecht als recht. Interessiert waren wir alle nicht. Keiner achtete darauf, ob wir unsere Schularbeiten machten. Im Übrigen war das Lager nicht in der Lage uns tagsüber zu beschäftigen. Wenn die Schulzeit vorüber war, gab es die Mittagszeit und danach passierte eigentlich gar nichts mehr mit uns. Wir waren völlig uns selbst überlassen.

MK: Wann fanden die Wehrsportübungen und Geländemärsche statt?
PL: Wie ich es erinnere lief es so, dass wir die Strukturen sehr gut zu unseren Gunsten nutzten konnten. Das heißt, wenn wir z.B. eine Mathematikarbeit schreiben sollten, gingen wir zu unserem Lagermannschaftsführer und sagten:“ Du mach mal morgen ein Ausmarsch oder so etwas. Wir haben morgen ne Mathearbeit.“. Da ging der zum Direktor und sagte dem, dass morgen ein Ausmarsch stattfindet. Und dann fiel die Mathearbeit aus. Also im Grunde genommen ein Schulbetrieb im Zustand der Auflösung, weil die Lehrerschaft nicht wagte, gegen den Mannschaftsführer in irgendeiner Weise disziplinarisch vorzugehen. Hinzu kam, dass die Lehrer sich untereinander nicht einig waren. Da waren einige dabei, die wirklich in der nationalsozialistischen Ideologie zuhause waren. Die sprachen auch so im Unterricht. Während andere sich auffällig zurück hielten. Wie mein Englischlehrer der immer nur mit „Good Morning“ grüßte.

MK: Haben Sie damals schon realisiert, dass das seine Form des Widerstands war?
PL: Nein. Nachträglich. Diese Feinheiten sind uns gar nicht aufgegangen. Wir waren einfach gläubig.

MK: Welche Rolle spielten Lieder?
PL: Ja Lieder. Das war ein großes Thema. Marschieren und Singen. Wenn ich heute mit meinen Freunden von damals zusammenkomme, dann staunen wir manchmal, dass wir die Liedertexte von vor 60 Jahren heute noch aufsagen können, die wir damals so gedankenlos gesungen haben.

MK: Können Sie eins aufsagen?
PL: Ja. „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.“, zum Beispiel. Und das haben wir noch im Frieden gesungen. Das war ja eigentlich schon ziemlich kriegerisch.

MK: Ja sehr.
PL: Aber wir haben uns nichts dabei gedacht. Das haben wir gesungen wie ein fröhliches Landmannslied. Ja und das hat uns imponiert. Von Hitler runter haben uns ja alle weiß gemacht, dass wir die ausgewählte Generation sind. Blauäugig, blond, sportlich, rassig, hart wie Kernleder und all diese blöden Sprüche. Die haben uns richtig stark geredet. Die haben gesagt, ihr seid die Zukunft der Welt. Das war doch prima, das nimmt man ja an. Meine Eltern haben das nicht so getan, die haben mir gesagt: „Du bist ja dämlich.“. Weil die mich erzieherisch betrachtet haben. Während die Ideologie uns aufgebaut hat und aus uns etwas gemacht hat, was wir eigentlich gar nicht waren.

MK: Ich frage mich, ob man im Hinblick auf das Lagerleben sagen kann, dass es für die Kinder, die das nationalsozialistische Ideal nicht so recht erfüllen konnten oder wollten, besonders schwierig war. Sie haben sich insbesondere durch Ihre sportlichen Leistungen hervorgetan. Hatten Sie dadurch auch eine privilegierte Stellung im Lager?
PL: Ja, also ich war ziemlich dusselig in der Schule, so in den wichtigsten Fächern war nicht viel mit mir los. Ich hatte Konzentrationsstörungen und hätte eine ganz andere Form der pädagogischen Betreuung gebraucht. Deshalb war Schule für mich auch immer schrecklich. Aber im Sport war ich gut. Deswegen machte man mich zum Hitlerjugendführer. Die interessierten überhaupt nicht meine Leistungen in Mathe und so weiter. Ich war Torwart beim Handball und konnte damit unglaublich viel gut machen. Ich bin dadurch in einem Sinne aufgefallen wie die Nazis es gerne mochten. Das Zeugnis bestand ja zur Hälfte aus Sportnoten: Leichtathletik, Ballspiele, Schwimmen und so weiter. Damit konnte man Mathematik und Chemie ausgleichen, was mir natürlich sehr recht war. Dadurch bin ich auf einen Ausbildungsweg gekommen, der mich, wenn das so weiter gegangen wäre, was es glücklicherweise nicht ist, zu einer Ordensburg gebracht hätte. Das war die höchste Stufe der Ausbildung für zukünftiges Führungspersonal der NSDAP. Man hat das ahnungslos mit sich passieren lassen. Es war ja auch immer ein Kompliment damit verbunden. Ich war ja zu doof für das was Schule war, aber da habe ich brilliert.

MK: Haben Sie deswegen eine privilegierte Stellung auch im Lager eingenommen?
PL: Nein. Im Lager nicht.

MK: Waren Sie schon in Berlin Hitlerjugendführer?
PL: Nein. Das hat sich erst im Lager herausgestellt, dadurch dass wir dort so viel Sport gemacht haben. Da hat man erkannt, dass ich mich als besonders guter Torwart erwies. Daraufhin bekam ich die Position bei der HJ.

MK: Hatten Sie damit eine Position, in der Sie andere befehlen konnten?
PL: Nein. Im Lager nicht. In der Ausbildung, die dann darauf folgte, also in den Lehrgängen an denen ich teilnahm, war ich ja wieder unter Leuten, die auch zur Elite gehörten.

MK: Haben Sie das Lager vor Kriegsende schon verlassen?
PL: Ja. Für einige Wochen um an den Lehrgängen teilzunehmen. Es war eine mittlere Führungsebene, die einen darauf vorbereitete, eines Tages den nächsten Schritt zur Ordensburg zu machen. Obwohl man das gar nicht beeinflussen konnte. Das haben andere für einen entschieden.

MK: Würden Sie die KLV-Zeit insgesamt eher als begrüßungswertes Abenteuer bezeichnen oder wurde das sehr von Gefühlen wie Heimweh und Angst überschattet?
PL: Nein, also die ganze Kriegszeit hat für uns Jungs eigentlich etwas gehabt von einem verlängerten Indianerspiel. Wir haben immer das gespielt, was auch Wirklichkeit war. Wir haben auf den Dächern gestanden, als die Flieger über uns waren. Das war lebensgefährlich. Aber so toll fanden wir das. Wie ein Sylvesterfeuerwerk. Zu sehen wie der Himmel mit Scheinwerfern abgesucht wurde, dann die Bomben, die explodierten. Wir liefen immer zu den Bränden und suchten nach Bombensplittern. Und wenn darauf noch etwas amerikanischen eingraviert war, freuten wir uns. Wie das so geht: In anormalen Zeiten haben Sie anormale Neigungen.

MK: Hatten Sie in dem Lager mehr Freiheiten als zuhause?
PL: Naja, rund herum waren ja nur Tomatenfelder.

MK: Ich frage, weil Sie zu Anfang herausgestellt hatten, dass man mit 15 diesen wahnsinnigen Drang hat groß und unabhängig zu sein. Ich hatte den Eindruck, dass ihnen bei diesem Wunsch die HJ, aber auch das KLV, entgegengekommen ist.
PL: Naja. Wir sind ja im KLV gegängelt worden. Mussten ständig antreten und so richtig machen, was wir wollten, konnten wir ja nicht. Aber diese unausgefüllten Nachmittagstunden, das ist das, was Jost Hermand in seinem Buch beschrieben hat, als eine Art von Drangsalierung und seelischem Notstand. In Gesprächen mit meinem damaligen Schulkameraden, kamen wir jedoch zu der Meinung, dass wir diesen seelischen Schaden, den er beschreibt, an uns nicht festgestellt haben. Das wir ihm also widersprochen haben in seiner Analyse. Er wollte sagen, dass man uns damals charakterlich und psychisch verbogen hat. Oder uns sogar kaputt gemacht hat. So haben wir das aber nicht empfunden.

MK: Die Lagerzeit war sicherlich für jeden anders. Eine wichtige Rolle spielte bestimmt auch die Vorprägung aus dem Elternhaus. Jost Hermand beschreibt in seinem Buch, dass er sich mit seiner Mutter schon 1940 in einer stillen Konspiration gegen das „grässliche Jungvolk“ befand.
PL: Ja, aber Hermand war auch so ein Sensibelchen. Nein, also wir fanden das nicht so fürchterlich.

MK: Aber sagen Sie, haben Sie gar keine Erinnerung an Klassenkameraden, denen es vielleicht ähnlich ergangen ist wie Jost Hermand? Mitschüler, die eher gelitten haben und von den anderen unterdrückt wurden.
PL: Meinen Sie wir haben mit jedem einzelnen im Nachhinein darüber gesprochen?

MK: Nein, aber ich dachte, dass Ihnen vielleicht währenddessen etwas aufgefallen ist. Wo fanden die Lehrgänge statt, an denen Sie teilnahmen?
PL: Diese Lehrgänge fanden in Lodz statt und für mich war das damals die Auseinandersetzung mit der Judenfrage.

MK: In Lodz war eines der größten Judenghettos des Dritten Reichs.
PL: Ja genau. Und durch dieses Ghetto fuhren wir mit der Straßenbahn jeden Tag vier Mal, um von unserer Unterkunft zu der Sportstätte zu gelangen. Die Tore wurden geöffnet, vorne und hinten stiegen SS-Männer auf und wir fuhren dadurch. In diesem Ghetto lebten unglaublich viel mehr Menschen als je vorgesehen war. Auf dem Bürgersteigen Tote, Verhungerte, Kinder. Auf der Straße gab es Stacheldrahtübergänge, durch die die Juden von einer Seite zur anderen gelangen konnten. Das war für mich eine lebensbeeinflussende Erfahrung. Weil…, also ich fang noch mal an anderer Stelle an: Wir kannten KZ-Häftlinge auch schon aus Berlin, die bewacht von Polizisten irgendwelche Zwangsarbeiten auf den Straßen verrichten mussten. Wir nahmen einfach an, dass diese Leute irgendetwas ausgefressen hatten und nun zur Bewährung im Arbeitslager sein mussten. So wurde es nämlich von den Nazis auch beschrieben. Deshalb auch dieses Schild „Arbeit macht frei“. Das sollte bedeuten, dass hier Leute etwas durch Arbeit wieder gut zu machen haben. Im Ghetto in Lodz war jedoch der große Unterschied, dass dort Kinder dabei waren. In Bezug auf die Kinder machte die Betrachtung einfach keinen Sinn, das die sich was zu Schulden haben kommen lassen. Daraus entstand für uns ein innerer Konflikt. Das Elend der Kinder zu sehen, die dort im erbärmlichen Zustand an den Häuserwänden lehnten. Aber geredet haben wir mit niemandem darüber. Wir hatten nämlich niemanden zum reden.

MK: Auch nicht untereinander?
PL: Ne. Wir hatten eine Blockade. Wir wollten eigentlich, also wir hatten dieses typische Mitleidgefühl, aber wir brachten das irgendwie nicht in rechten Zusammenhang zur Erwachsenenwelt, weil wir so fest überzeugt waren, dass mit der Erwachsenenwelt alles in bester Ordnung ist. Und wo Polizei war, ist ja die Ordnung. Wir waren ja so erzogen, dass wir gar nicht an dem Konzept zweifelten, dass ein Polizist für Ordnung und Anstand sorgt. Und in sofern war das damals mit den Kindern in dem Ghetto ein Konflikt, der mir aber erst viel später bewusst wurde. Die Verbrechen von Ausschwitz selbst, waren für uns in Lodz noch nicht erkennbar. Erst nach dem Krieg hat mich diese Erinnerung wieder so beschäftigt, dass ich auf einen Zeitungsartikel reagierte, in dem die Jüdische Gemeinschaft schrieb, dass sie eine Volkshochschule eröffnet hat. Eine jüdische Volkshochschule innerhalb der jüdischen Gemeinde. Und die haben Deutsche eingeladen, sich dort mit unterschiedlichen Themen zu befassen. Vergangenheitsbewältigung und man konnte auch Hebräisch lernen.

MK: Sie sprechen jetzt von Berlin in den Jahren 1946/ 47?
PL: Ja. Das war die Jüdische Gemeinde in der Fasanenstraße. Dort bin ich hingegangen. Im Grunde eine Folge dieser unverarbeiteten Erlebnisse in Lodz, aber nicht nur. Ich hatte nach dem Kriegsende auch entsprechende Kontakte und Freundschaften, die mich bei meiner Aufarbeitung unterstützten. Viele der Dinge, die ich während des Krieges gesehen habe, erschlossen sich erst mit den Aufklärungsfilmen nach Kriegsende. Ich nenn ihnen mal ein Beispiel: Am Bahnhof Lodz standen, in einer Reihe aufgereiht, braunfarbige Kastenwagen mit einem schrägen, gelben Strich über die gesamte Außenfläche. Das war ein sehr bekanntes Markenzeichen von der Möbeltransportfirma Gustav Knauer. Diese Wagen, die wir so genau kannten, standen also in Lodz, was uns wundern ließ. Ich ging also zu einem der Polizisten und fragte ihn, was diese Berliner Möbelwagen hier machten. Da schaute er mich eine Weile an und sagte dann:“ Da fahren wir Juden mit spazieren.“ Das war alles. Ich wusste nicht was er damit sagen wollte. Nach dem Krieg ist mir erst bekannt geworden, dass in diesen Autos Juden mit Auspuffgasen erstickt wurden. Und die Möbelwagen haben sie genommen, weil die Innenpolsterung der Wagen den Schall isolierte, so dass man niemanden schreien hörte. Also es gab schon Hinweise und Botschaften, nur wurden die gar nicht richtig wahrgenommen und verarbeitet. Wir konnten sie nicht interpretieren. Ein anderes Beispiel war in Berlin. Ich fuhr mit der S-Bahn und sah in der Ferne eine Rauchfahne hochgehen. Ich dachte es brennt und stellte laut die Frage: “Wat is denn dit?“. Da sagte einer: „Da jagen sie Juden durch den Schornstein.“ Das war ein Krematorium. Das war das KZ von Oranienburg. Aber all das ging dennoch an unserer Wahrnehmung vorbei.

MK: Weil man nicht wusste, ob das ernst gemeint sein kann?
PL: Nein, nein. Die Ernsthaftigkeit dahinter hätte man nicht vermutet. Das war alles zu weit weg. Aber es gab diese Signale. Und denjenigen, die zu der Zeit schon Erwachsene waren, muss man natürlich den Vorwurf machen. Die hätten schon ihre Fragen haben können. Aber viele hatten wohl einfach den Mut nicht, es genauer wissen zu wollen. Sicherlich ist das ein großes Versäumnis das wir beklagen müssen. Das einzige, was diese Situation vermeiden kann, ist Zivilcourage und das zu einem Zeitpunkt, wo der NS-Staat noch nicht so entwickelt war, dass es einem das Leben gekostet hätte. Darum muss es auch bei der jungen Generation in Deutschland heute gehen. Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wann eine Situation eintritt bei der man nicht mitmachen will. Nicht irgendwo mitzumachen, nur um nicht als Feigling oder Außenseiter dazu stehen.

MK: War die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des NS-Regimes für Sie persönlich mit einem Gefühl der Scham oder Reue verbunden? Oder hatten Sie für sich als Kind eher das Gefühl es nicht besser gewusst haben zu können und haben den Vorwurf eher an die Erwachsenen gerichtet, die Sie erzogen haben?
PL: Ja. Also ich hatte ein Schamgefühl. Allerdings eine andere Scham, als die, wenn man selber etwas angestellt hat. Es war die Scham Deutscher zu sein.

MK: Mir scheint es jedenfalls sehr beachtlich, dass Sie im Alter von 17 oder 18 Jahren selbst die Initiative ergriffen haben, um innerhalb der Jüdischen Gemeinde eine Auseinandersetzung zu suchen.
PL: Ja. Da kam auch hinzu, dass ich damals eine wesentlich ältere Freundin hatte. Sie war 17 Jahre älter als ich und war Cutterin. Da sie damals keine Spielfilme machen konnte, machte sie bei der 1946 gegründeten Central Cinema Company von Arthur Brauner, den Schnitt für Dokumentarfilme. Bei dieser Filmproduktionsfirma haben die Amerikaner Material aus den KZs bearbeiten lassen und daraus erzieherische Filme machen lassen, um die deutsche Bevölkerung aufzuklären. Ja und weil ich ein Auto hatte, holte ich sie manchmal dort ab. Und weil sie immer ewig nicht fertig wurde, trieb ich mich in den Ateliers herum und konnte mir viel von dem Bildmaterial ansehen. Das war so fürchterlich, die medizinischen Versuche und alle Schrecklichkeiten. Da fällt man in ein schwarzes Loch. Ich konnte das ganze Ausmaß der Grausamkeiten gar nicht verarbeiten. Deshalb war der Kontakt zur Jüdischen Gemeinde sehr hilfreich für mich. Wir haben dort eine Diskussionsgruppe gebildet unter der Anleitung eines jungen Paares aus Israel, die dafür ausgebildet waren. Wir haben einen runden Tisch gebildet und zum ersten Mal im unseren Leben gelernt, zu sagen, was wir denken. Das hatten wir ja überhaupt nie praktiziert. Was denkst Du, wenn Du Jude hörst? Dann sollten wir alles dazu aufschreiben, was in uns war. Die ganzen Stereotypen, die uns dazu einfielen. Normalerweise hätten wir das ja nach dem Krieg nie wieder hoch geholt. Aber deswegen ist es ja trotzdem noch da. Und genau das auszusprechen und offen zu bearbeiten, das war der große Zugewinn dieser psychologischen Begleitung. Dadurch lernten wir auch diese falsche Scham, dieses Gefühl kein Zutrauen mehr zu sich und seiner eigenen Überzeugung zu haben, zu überwinden. Wir konnten offen darüber sprechen, weil es nicht persönliche Schuld war, sondern eine kollektive Verantwortung für etwas, das in unserem Namen geschehen ist. Diese Schwelle mussten wir erst mal überschreiten. Ich hatte auch das Glück, schon 1946/47 jüdische Freunde zu haben. Diese allgemeine Verdrängung, die in Deutschland bis in die 70er Jahre vorherrschte, kannte ich also gar nicht.