Pressespiegel
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Jüdisches Berlin, 12/2009 Eva Geffers
Eva Geffers (l.) und Gertrud Achinger von der Zeitzeugenbörse

Von Zwangsarbeit bis Mauerfall

Wie mit der Zeitzeugenbörse aus Berliner Geschichten Geschichte wird

Von Judith Kessler

Eva Geffers, Psychologische Psychotherapeutin,ist von Anfang an dabei, bei der Zeitzeugenbörse, der ZZB, die vor 16 Jahren, so erzählt sie, von drei alten Damen gegründet wurde, die „ihre Erinnerungen nicht mit ins Grab nehmen, sondern an Jüngere weitergeben wollten". Aus der Idee wurde ein Projekt mit wissenschaftlicher Konzeption und Senatsförderung und ein gemeinnütziger Verein. In dem ging es anfangs neben der NS-Zeit auch um ein Kennenlernen zwischen Ost und West und die ersten Gespräche waren sehr emotionsgeladen, wie sich Geffers erinnert. Inzwischen aber sind alle gut aufeinander eingestellt und heute hat der Verein 180 Zeitzeugen in der Kartei – wie es dem Proporz in der Stadt entspricht, zwei Drittel aus West-, ein Drittel aus Ostberlin, Männer und Frauen zu gleichen Teilen, darunter auch etwa zehn Juden, die als Zwangsarbeiter, versteckt oder dank Jugendalijah überlebt haben.

Daneben gibt es die ehrenamtlichen Helfer (vor allem -innen), die die Büroarbeit und alles Organisatorische händeln und anhand ihrer Datenbank sagen können, welcher Zeitzeuge zu welcher Fragestellung oder Gruppe passt. Die Soziologin Dr. Gertrud Achinger, die auf der Suche nach einer ehrenamtliche Aufgabe im Ruhestand auf die ZZB gestoßen und dabei geblieben ist, erklärt, dass eigentlich alles angefragt wird, von der Weimarer Republik bis zur Jetztzeit. Schwerpunkt sei der Nationalsozialismus, inzwischen gehe es aber auch viel um die DDR-Vergangenheit. Die Nachfrage nach berlinbezogenen Kenntnissen aus erster Hand hänge ja sehr stark von Gedenktagen ab, zur Zeit hätte, sagt Achinger, natürlich das Thema Mauerfall Hochkonjunktur.

Und wer fragt die ZZB an? Geffers und Achinger zählen auf: Radio und Fernsehen, Berliner Schulklassen, Gruppen aus dem Ausland, aus Dänemark oder Norwegen, die Berlin besuchen, Studenten, die nach Quellen suchen, zum Beispiel für eine Magisterarbeit über die Mode der 50er Jahre. Forscher fragen nach Personen, „die sich an bestimmte Sportereignisse erinnern oder an berühmte Theateraufführungen, an Begegnungen mit Helene Weigel oder sonst was".

Die Börse hat aber auch längerfristige Projekte, in denen es immer auch um den Dialog zwischen den Generationen geht. So wurden an der Evangelischen Fachhochule mit den Erinnerungen von Zeitzeugen Szenen zum Thema Lebenserfahrungen und Lebenswelten im demografischen Wandel erarbeitet, gab es ein Filmprojekt zum 8. Mai 1945, und ein Künstler hat mit Schülern zusammen Zeitzeugen befragt, was sie für Erlebnisse mit dem Stichwort „Feuer" verbinden. Spannend sei auch die alljährliche „Lange Tafel", die es inzwischen in mehreren Bezirken gibt und an der sich die ZZB beteiligt. Da werden Tische auf der Straße aufgebaut, Jung und Alt – Leute, die sich sonst nie kennenlernen würden – essen zusammen und sprechen mit ihren Tischnachbarn über ihre Erinnerungen, den Kiez oder das Wetter.

Im monatlich herausgegebenen ZeitZeugenBrief finden sich immer auch aktuelle Suchanzeigen, an denen die Bandbreite des Interesses und die verschiedenen Welten der Interessenten erkennbar sind: „Gesucht werden Zeitzeugen, die Nr. 177/09 – den Russlandfeldzug mitgemacht haben, Nr. 197/09 – über jüdisches Leben in Lichtenberg berichten können, Nr. 204/09 – das Konzert von Udo Lindenberg am 25.10.1983 im Palast der Republik besucht haben".

Bedeutet das, dass es in der ZZB auch Begegnungen – beispielsweise – zwischen Wehrmachtssoldaten und KZ-Überlebenden gibt? Das komme vor, sagt Eva Geffers und erinnert sich an ein Seminar im Haus der Wannseekonferenz, bei dem „einer unserer Zeitzeugen, der 1945 als 17-jähriger noch zur SS-Ausbildung kam und eine Berliner Jüdin, die im Versteck überlebt hat, zusammen ihre Geschichte erzählten". Derselbe Mann wäre auch schon mit einer Gruppe von 20 Juden aus den USA zusammengetroffen, die für beide Seiten höchst eindrucksvoll gewesen war. Die Zeitzeugen würden aber vorher aufeinander vorbereitet werden und manche sich schon seit Jahren kennen. Gertrud Achinger ergänzt: „Zu uns kommen ja in der Regel Leute, die ihre Geschichte verarbeitet haben und die eine pädagogische Mission haben, nämlich dass sich das nicht wiederholen darf und dass sie den Jüngeren vermitteln wollen, wie das bei ihnen damals gelaufen ist". Und sollte tatsächlich mal ein Ewiggestriger kommen, „dann würden wir den bereits in den Vorgesprächen diskret wieder ausschließen". Zu diesem Thema herrsche Einigkeit bei den Börsianern, anders als „bei der DDR-Geschichte – da sind ja viele der Meinung, dass das so schrecklich nicht war."

Dass Menschen hier die/ihre Vergangenheit reflektiert haben, glaubt man gern, sind doch im ZeitZeugenBrief Artikel zu lesen, in denen zum Thema „Bündnis gegen rechts" Sätze stehen wie „Wir Älteren müssen die Gefahren für unsere Gesellschaft in unserem Kiez erkennen und dort klug eingreifen", so ein Zeitzeuge aus Spandau. Ein anderer erinnert sich angesichts der letzten Bundestagswahlen an die Wahlen 1933 (als er für die bald darauf verbotene SPD Plakate klebte) und äußert sich besorgt über die Nichtwähler von heute.

Und wie kommen nun die Zeitzeugen zur ZZB? „Die laufen uns zu", schmunzelt Gertrud Achinger. „Leute bringen ihre Freunde mit, andere werden über Zeitungsartikel oder Radiosendungen auf uns aufmerksam", ergänzt die Therapeutin Eva Geffers, die potentielle neue Zeitzeugen anfangs begleitet und unterstützt. Das Prozedere sieht nämlich vor, dass diese zunächst einen Fragebogen mit Lebensdaten und Wunschthemen ausfüllen; dann gibt es eine erste kleine Runde mit drei, vier neuen Zeitzeugen und dann den „Halbkreis" – dort erzählt der/die „Neue" vor etwa 20 anderen Zeitzeugen seine Geschichte, so wie er sie später präsentieren will. Manchen wird hier klar, dass sie mit der Aufgabe überfordert sind oder lieber doch nicht vor so vielen Menschen auftreten möchten. „Jeder kann selbst festlegen", erläutert Geffers, „in welchem Rahmen er sprechen will. Manche sind nicht mehr so mobil, zu denen kann aber beispielsweise noch ein Journalist nach Hause kommen, andere fühlen sich mit Schulklassen am wohlsten".

Gemeinsam ist allen hier, dass sie ehrenamtlichtätig sind. Geld für die Auftritte oder die Büroarbeit gibt es nicht. „Wenn wir Spenden bekommen oder die Nutzer etwas zahlen, dann geht das an den Verein", sagt Frau Achinger. Der Senat hilft mit der Miete für die zwei kleinen Räume des Vereins in der Ackerstraße und bei den Druck- oder Telefonkosten. Nebenprodukte der ZZB wie die themenbezogenen Audio-CDs „Kindheit im Nationalsozialismus" und eine DVD „Mein Mauerfall" können so auch nur Ausnahmen bleiben.

Neulich hat die ZZB zum ersten Mal einen griechischen Gastarbeiter zum Gespräch da gehabt, der 1965 mit 22 Jahren nach Deutschland kam und bis heute hier lebt. Migration und Einwanderung wären auch so eine Sparte, meint die Soziologin Achinger, die in Zukunft ausgebaut werden könnte, bisher allerdings würden diese Themen noch kaum nachgefragt.

 

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