Pressespiegel
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Berliner Morgenpost, 21.12.2008

Einsatz im Ehrenamt

Eva Geffers

Die einen wirken in den Alpen bei der Bergwacht, als Hausaufgabenhilfe oder Freiwillige in einem Hospiz. Andere sind Trainer im Sportverein, Aktive bei der freiwilligen Feuerwehr oder im Umweltschutz: Rund 23 Millionen Bundesbürger engagieren sich laut einer Prognos-Studie heute in unzähligen Vereinen, Gruppen, Initiativen oder Projekten.
Das entspricht etwa einem Drittel der Bevölkerung. Alle zusammen leisteten im abgelaufenen Jahr rund 4,6 Milliarden Stunden unbezahlte Arbeit, jede und jeder Einzelne im Schnitt 16,2 Stunden pro Monat. Was bewegt viele dazu, sich unentgeltlich in die Gemeinschaft einzubringen?

Von Tobias von Heymann

Die Frau von der Zeitzeugenbörse

Eva Geffers ist eine von ihnen. Zusammen mit über hundert anderen Freiwilligen ist sie am internationalen Tag des Ehrenamts ins Rote Rathaus gekommen, wo der Senat mit einer kleinen Feier symbolisch Dankeschön für all das Engagement in Berlin sagen will. Nach dem offiziellen Teil ist sie bei Buffet-Häppchen am Stehtisch gleich wieder in ihrem Element - beim Kontakteknüpfen. Seit zwölf Jahren ist sie bereits in einer Zeitzeugenbörse aktiv, vermittelt lebende Augenzeugen der Geschichte an Schulen und Forscher. Soeben hat sie Norbert Baumann kennengelernt, der als Kameramann regelmäßig nebenher ehrenamtliches Engagement im Film festhält. "Das könnte auch für uns interessant sein", sagt Geffers. Die beiden tauschen ihre Kontaktdaten – und wieder hat das große Netz der Freiwilligkeit einen kleinen Knotenpunkt dazubekommen.

"Seit einigen Jahren beobachten wir einen deutlichen Trend zu mehr bürgerschaftlichem Engagement", sagt Thomas Kegel, Leiter der Akademie für Ehrenamtlichkeit in Deutschland. Seit über zehn Jahren bietet die Akademie Seminare, um gerade Vorständen und Koordinatoren Managementwissen für ihre Aufgaben zu vermitteln. Über 1100 Absolventen haben sich hier mittlerweile fortgebildet. Das Ziel ist, gut gemeinte Projekte auch mit der heute nötigen Professionalität auszustatten. "Das Interesse ist stark gestiegen, sich einzumischen, Dinge aus eigenem Antrieb zu verändern. Längst ergänzen diese Aktivitäten Politik und Parlamente." Typische Motive seien Spaß am Engagement, etwas zu lernen und auszuprobieren und die Lust, interessante Menschen kennen zu lernen. Auch das Gefühl gebraucht zu werden und der Gesellschaft etwas zurückzugeben, treibe viele Menschen an. "Finanzielle Aspekte spielen kaum eine Rolle, auch wenn oft die Kosten erstattet werden. Vor allem erwarten die Menschen Respekt und Dankbarkeit", sagt er. Neben einer allgemeinen Zunahme selbst bestimmter Initiativen hat er bei seinen Analysen noch andere Trends ausgemacht. "Selbst wenn Jugendliche und Studenten gerne aktiv sind, ist hier ein Rückgang zu verzeichnen. Das hängt mit dem Ausbau des Ganztags-Unterrichts und verschulter Studiengänge zusammen. Da bleibt kaum noch Zeit, etwas darüber hinaus zu unternehmen." Stark im Kommen sei dagegen, dass sich Eltern, Vereine oder Firmen in den Schulbetrieb einbringen.

"Wenn ein Bäcker in den Mathematikunterricht kommt, um Schülern eine Einnahme-Überschussrechnung am praktischen Beispiel zu erklären, ist das keine Seltenheit mehr." Auch würden immer mehr Senioren zu Freiwilligen. "Die Menschen werden heute älter und bleiben länger gesund. Also wollen sie in ihrer Zeit etwas Sinnvolles tun." Vergleichsweise neu sei auch, sich zu informellen Netzen jenseits großer Organisationen zusammenzuschließen, oft übers Internet. "Statt für eine Hilfsorganisation packen sie dann zum Beispiel auf eigene Faust einen Lkw mit Medikamenten und fahren ihn in ein Notstandsgebiet." Kegel ist sich sicher: "Ohne Ehrenamtliche geht inzwischen nichts mehr." Wenngleich oftmals Hauptamtliche für die nötige organisatorische Kontinuität sorgen oder die Aufgaben übernehmen, die Laien nicht ausführen können. "Typisch ist, dass auf dem Gesundheitssektor professionelle Helfer die Pflege übernehmen, aber Ehrenamtliche sich um die zeitintensive menschliche Betreuung kümmern."

Kostenlose Präsentation

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch Professor Stephan F. Wagner, Geschäftsführer der Paritätischen Akademie, die in Berlin das Ehrenamtsnetz (www.ehrenamt-berlin.de) betreibt. Dieses Internet-Portal richtet sich sowohl an Menschen, die sich engagieren wollen wie auch an Organisationen, die sich hier kostenlos vorstellen können. "Oft möchten sich Leute freiwillig betätigen, wissen nur nicht wo und wie", sagt der agile Wissenschaftler. "Mit Hilfe einer Suchmaske können sie dann auf unserer Seite nach etwas Passendem suchen." Ähnliches bietet auch das Portal des Bundesfamilienministeriums (www.initiative-zivilengagement.de), das deutschlandweit Angebote und Vorhaben bündeln will.

Laut Wagner sei gerade die Gruppe der 36- bis 55-Jährigen sei stark am Wachsen. "Hier besteht auch noch ein großes Potenzial, das sich auch leicht noch besser ausschöpfen ließe. Sobald Eltern ihre Kinder mitbringen können, steigt auch die Zahl der Aktiven", weiß Wagner aus Erfahrung. "Das erkennen immer mehr Organisationen und bemühen sich um mehr Familienfreundlichkeit."

 

Bericht in der Morgenpost